Montag, 25. April 2016

Leitungskongress (IV): Michael Diener - Aus der Fülle leiten

Mit Sorge beobachte ich immer wieder die Lagermentalität in der deutschen kirchlichen Landschaft – in der katholischen wie in der evangelischen Kirche: „rechts“ gegen „links“, „konservativ“ gegen „progressiv“. Die Art und Weise, wie übereinander gesprochen wird, wie man an der anderen „Seite“ kein gutes Haar lässt, wie sachliche Diskussionen auf der Grundlage des doch eigentlich gemeinsamen Glaubens durch Polemik und Unterstellungen verhindert werden, auch wie bestimmte Themen mehr oder weniger willkürlich zur Gretchenfrage in Bezug auf Rechtgläubigkeit bzw. Weltoffenheit gemacht werden – das finde ich immer wieder bedrückend.

Michael Diener scheint da anders zu ticken – so wenigstens nehme ich es wahr. Als ehrenamtlicher Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz gehört er zu den prominentesten Vertretern des vom liberalen Mainstream abweichenden deutschen Protestantismus. Im letzten Jahr machte er sich in den eigenen Reihen Feinde, als er beim Thema Homosexualität bei den Evangelikalen zu Selbstkritik und zur Gesprächsbereitschaft mit anderen Positionen aufrief. Wohlgemerkt: Es ging dabei nicht um die Aufgabe evangelikaler Positionen, lediglich zur fairen und nachdenklichen Auseinandersetzung mit anderen Überzeugungen, denen man nach Diener nicht einfach pauschal vorwerfen darf, unchristlich und unbiblisch zu sein.

In Hannover ging es Diener um die Zukunft der Kirche in Deutschland. Sein Vortrag stand unter den Leitworten Vergebung, Barmherzigkeit und Einheit. Nicht das schlechteste Reformprogramm. Bei Prozessen der Gemeindeentwicklung sind das ganz sicher Haltungen, die eine zentrale Rolle spielen müssen.

Gemeinden stellt sich Diener vor als Orte mit Vergebungskultur, als Genesungshäuser.
Und er fügt hinzu: Unsere Zeit schreit danach, dass Menschen barmherzig sind. Wie am nächsten Kongresstag Michael Herbst, so betonte auch Michael Diener, dass die Zuwanderung von Flüchtlingen der Testfall für unsere Bereitschaft zur Barmherzigkeit ist – und zwar jenseits aller politischen Fragen. Sehr eindrucksvoll formulierte Diener, wie wunderbar es doch eigentlich ist, dass sich Millionen Menschen nichts sehnlicher wünschen, als auf ihrer Flucht in demselben Land anzukommen, aus dem noch vor wenigen Jahrzehnten Menschen vor Mord und Terror geflohen sind. Ein unglaubliches Vertrauen, das uns da entgegengebracht wird. Ob dieses Vertrauen gerechtfertigt ist, wird sich an unserer Bereitschaft zur Barmherzigkeit zeigen. Diener warnt: „Lasst uns aufpassen, dass unser Reichtum unserer Barmherzigkeit nicht im Weg steht.“ Davor können sich Christen mit der Einsicht wappnen, dass alles, was wir haben, ohnehin Gott gehört und nicht uns selbst.

Mit der Notwendigkeit der Einheit unter den Christen – auch angesichts von 45.000 unterschiedlichen christlichen Konfessionen weltweit – schloss Dieners Vortrag. Der Kongress in Hannover, und nicht zuletzt auch Michael Dieners Vortrag, bestärkte in mir mal wieder die Überzeugung: Einheit kann da am besten wachsen, wo Christen von ihrem Glauben begeistert sind, wo sie die Mitte ihres Glaubens, den dreieinigen Gott, ins Zentrum stellen, und wo sie das auf eine Weise tun, die nicht über andere Menschen den Stab bricht.

Freitag, 22. April 2016

Leitungskongress (III): Joseph Grenny - Einfluss gewinnen

Der amerikanische Unternehmens- und Organisationsberater Joseph Grenny war gleich mit zwei Vorträgen auf dem Leitungskongress vertreten. Während ich den zweiten sehr wichtig und hilfreich fand (dazu später mehr), habe ich an ersten zum Thema „Einfluss gewinnen“ kritische Rückfragen – womit ich nicht bestreite, dass es auch hier richtige und wertvolle Einsichten gab.

Unsere Effektivität als Gemeindeleiter, so Grenny, hängt davon ab, ob wir Sozialwissenschaftler sind. Wenn man sich die religionssoziologischen Diskussionen der letzten Jahre, z.B. um die Sinus-Milieus, vor Augen führt, wird man dem sicher zustimmen können. Ein waches Auge für und ein reflektiertes Nachdenken über gesellschaftliche Zusammenhänge ist in der Pastoral sicher ein wichtiges Werkzeug.

Grenny definiert nun die Sozialwissenschaften (social sciences) über die beiden Fragen: „Warum tun Menschen, was sie tun?“ und „Wie kann ich ihnen helfen, sich zu verändern?“ Lassen wir mal beiseite, dass das eine recht willkürliche Einengung möglicher Fragestellungen zu sein scheint, und schauen wir, was für Joseph Grenny daraus folgt.

Es folgt primär, dass Leitung bewusste Einflussnahme ist („Leadership is intentional influence“). „Wenn du die Welt verändern willst, ist die beste Möglichkeit dazu, das Verhalten von Menschen zu verändern.“ Dazu müssten wir zuerst verstehen, warum Menschen so handeln, wie sie es tun. Und genau dabei sind wir als Kirchen-Leute oft naiv, so Grenny.

Joseph Grenny stellte dann eine Matrix vor, welche Faktoren das Verhalten von Menschen beeinflussen – garniert mit witzigen und verblüffenden Filmeinspielungen über Experimente zum Verhalten von Kindern angesichts angebotener Süßigkeiten. Die eine Achse der Matrix umfasst die Größen „persönlich“, „sozial“ und „strukturell“, die andere Achse die Größen „Motivation“ und „Befähigung“, so dass sich nach Grenny insgesamt sechs grundlegende Möglichkeiten ergeben, auf das Verhalten von Menschen Einfluss zu nehmen:
  • Hilf ihnen, zu lieben, was sie hassen. (persönliche Motivation)
  • Hilf ihnen, zu tun, was sie nicht können. (persönliche Befähigung)
  • Ermutige sie durch positiven Einfluss anderer Menschen. (soziale Motivation)
  • Unterstütze sie in ihrem Handeln. (soziale Befähigung)
  • Verändere die ökonomischen Rahmenbedingungen. (strukturelle Motivation)
  • Verändere ihre Umgebung durch anregende Signale. (strukturelle Befähigung)
Auf ein paar dieser Einflussmöglichkeiten ging Grenny nur kurz ein, auf andere ausführlicher. Der erste Job eines Leiters sei es, dafür zu sorgen, dass sich gute Dinge gut anfühlen und schlechte schlecht. Das verändert die persönliche Motivation. Oftmals veränderten sich die Gefühle bei einer Handlung bereits durch die dafür verwendeten Formulierungen. Erwünschte Verhaltensweisen müssten also mit positiven Begriffen verbunden werden, damit sich auch das entsprechende Verhalten besser anfühlt.

Der zweite Job eines Leiters ist es, Lehrer bzw. Anleiter zu sein, um die persönliche Befähigung zu erwünschten Verhalten positiv zu beeinflussen. Der Leiter müsse permanent für Möglichkeiten sorgen, Fähigkeiten unter realistischen Bedingungen anzuwenden: Konzentration auf eine bestimmte Fähigkeit am eigenen Limit und mit sofortigem Coaching.

Ein Leiter, gerade auch im kirchlichen Kontext, müsse sich laut Grenny ständig fragen, ob die Faktoren, die menschliches Verhalten beeinflussen, für oder gegen die eigenen Ziele arbeiten, und dann versuchen, diese Faktoren gegebenenfalls zu verändern.

Wie eingangs gesagt: Ich fand die Stoßrichtung von Joseph Grennys Vortrag ambivalent. Da schwang mir zu viel Manipulation mit. Sicher gut gemeinte Manipulation, aber eben doch Manipulation. Es wird eine extreme Kluft aufgemacht zwischen Leitern, die auf Verhalten Einfluss nehmen, und den Geleiteten als Objekten dieser Einflussnahme. Prozesse lokaler Kirchenentwicklung haben sich dagegen auf Grundlage der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils zurecht das Prinzip partizipativer Leitung auf die Fahnen geschrieben. Leitung zielt nach diesem Prinzip darauf ab, möglichst viele an Leitungsprozessen zu beteiligen, Leitung demnach primär als Ermöglichung und Befähigung zu verstehen, und zwar als Ermöglichung von Freiheit und Befähigung zu frei gewähltem Teilhaben an Verantwortung. Das ergibt sich, kirchlich betrachtet, notwendig aus der gemeinsamen Taufwürde, die jedem Getauften Anteil gibt am Priester-, Propheten- und Königsamt Jesu Christi. Anthropologisch scheint mir hier (bei einem freikirchlichen Milieu vielleicht nicht überraschend) eine pessimistische Sicht auf den (von der Sünde korrumpierten) Menschen im Hintergrund zu stehe, dem man einen vernünftigen Umgang mit seiner Freiheit eigentlich nicht zutrauen kann, und den man deshalb erst mit allen möglichen Wegen der Einflussnahme (um nicht zusagen Tricks) in die richtige Richtung lenken muss.

Bevor ich allerdings in meiner Kritik zu negativ klinge: Joseph Grenny hat natürlich recht, dass ohnehin immer und von allen Seiten Einfluss auf das Verhalten von Menschen genommen wird. Da sollten wir tatsächlich nicht naiv sein. Und wenn wir als Leiter die Möglichkeit haben (und die haben wir immer wieder - mal mehr und mal weniger stark), Faktoren zu beeinflussen, die es Menschen erleichtern, ihr Verhalten in eine bessere, lebensförderlichere, evangeliumsgemäßere Richtung zu verändern, dann wäre es sicher unklug zu sagen, dass wir das nicht tun sollten – zumal der Verzicht auf die Veränderung ausschlaggebender Faktoren natürlich auch eine Form von Einflussnahme ist, manchmal eine besonders destruktive. Aber wenn wir – gerade in der Kirche – auf das Verhalten von Menschen Einfluss nehmen, dann sollten wir uns immer darum bemühen, es auf transparente, nicht manipulative Weise zu tun, die wertschätzend den guten Anlagen im anderen Menschen vertraut und dessen Freiheit fördert.

Leitungskongress (II): Bill Hybels - Das Unbeschreibbare von Führung

Mit dem Star des Kongresses ging es gleich los: Willow Creek-Pastor Bill Hybels, der zu Beginn gleich mit einer Anekdote über seine für einen Pastor erstaunliche Berühmtheit kokettierte. Beim Einsteigen in ein Flugzeug wurde er von den mitfliegenden Teilnehmern eines Leitungskongresses so begeistert begrüßt, dass die Stewardess ihn für einen Star hielt. Als sie erfuhr, dass er ein Pastor sei, war sie erleichtert: "Thank God, I thought you were someone important!"

In Hannover sprach Hybels über "Das Unbeschreibbare von Führung". Was Hybels intressant macht, ist die Begeisterung und Konsequenz, mit der er seit Jahrzehnten das Thema Leitung ins Zentrum seiner Arbeit stellt. Dieses Thema wird in kirchlichen Kontexten oft eher etwas verschämt angegangen. Und sicher: Es kann stellenweise schon ein wenig befremdlich anmuten, wenn Hybels über die Leitung einer Gemeinde wie ein Unternehmensberater spricht. Aber fehlende Professionalität und Kompetenz in der Gemeindeleitung ist eben nicht Ausweis von tieferer Spiritualität, sondern zunächst eben nur von fehlender Professionalität und Kompetenz. Wer Leitungsqualitäten vernachlässigt, tut einer Gemeinde in der Regel nichts Gutes. Abgesehen davon, wird die tiefe spirituelle Verankerung von Hybels' Leitungsverständnis immer wieder sehr deutlich. Auch das ist sicher nicht jedermanns Stil, muss es aber auch nicht sein.

"Leite auf dem höchsten Niveau, das dir irgendwie möglich ist", fordert Hybels auf. Und dazu braucht es für ihn neben den eher handfesten Leitungskompetenzen, die eher versteckten Qualitäten - das Unbeschreibbare von Führung (The intangibles of leadership). Fünf solche Qualitäten beschreibt Hybels.

1. Zähigkeit (grit)

Zähigkeit ist die Fähigkeit, bei Widerständen nicht aufzugeben. Kann diese Fähigkeit entwickelt werden? Ja, aber das verlangt, dass man Schwierigkeiten erlebt. Schwierigkeiten und Widerstände sind daher eine große Chance, sich weiterzuentwickeln, die Zähigkeit zu erwerben, die es braucht, um auch nach vielen Jahren noch Leitungsverantwortung ausüben zu können.

2. Selbstwahrnehmung (self awareness)

Wir haben alle unsere bliden Flecken. Das Problem ist nicht, dass wir Fehler und Schwächen haben, zu einem großen Problem kann es werden, wenn wir uns dieser Schwächen nicht bewusst sind. Bill Hybels' Rat: Frag andere ganz offen nach deinen blinden Flecken.

3. Erfindungsreichtum (ressourcefulness)

Diese Qualität definiert Hybels als die Fähigkeit, heruaszufinden, was man tun soll, wenn man nicht weiß, was man tun soll. Dazu gehört, sich weiter zu bemühen, wenn es nicht vorwärts zu gehen scheint, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und immer wieder auch zu scheitern - aber auch zu lernen, das Scheitern zu lieben, weil sich daraus neue Lernchancen ergeben.

4. Aufopfernde Liebe (self sacrificing love)

Das steht für Hybels im inneren Kern eines guten Leiters. "Wenn Leiter aufopfernde Liebe leben, verändert das eine ganze Organisation." Denn: "Liebe lässt ein menschliches Herz niemals so zurück, wie sie es vorgefunden hat."

5. Gefühl für den tieferen Sinn (sense of meaning)

Leiter sind für Hybels primär "Sinnstiftungsdirektoren", wie der Dolmetscher "chief meaning officer" übersetzt. Dem Leiter muss klar sein, warum seine Organisation für diese Welt wichtig ist - und er muss das anderen vermitteln. Er muss das Warum begreifen und anderen helfen, es auch zu begreifen.

Leitung ist so wichtig - so lautet das wiederkehrende Mantra von Bill Hybels. Und Leitung, so macht er in seinem Vortrag deutlich, hängt nicht nur an bestimmten Fertigkeiten - daran auch -, sondern primär an bestimmten Haltungen, die man erwerben kann, gerade im Lernen aus Fehlern und Misserfolgen.

Prozesse lokaler Kirchenentwicklung, wie sie der Prozess "Kirche am Ort" zu initiieren versucht, brauchen gute Leitung. Dazu bedarf es (haupt- und ehrenamtlicher) Menschen, die Freude daran haben, sich die dafür notwendigen Kompetenzen anzueignen. Wie bei "Kirche am Ort" geht es auch bei Bill Hybels' Leitungsverständnis primär um die Frage nach den richtigen Haltungen. Diese lassen sich weder auf die fünf von Hybels genannten beschränken, noch auf die vier, die der Prozess "Kirche am Ort" in den Mittelpunkt stellt (lassen, erwarten, vertrauen, wertschätzen). Aber die Frage  "Aus welchem Geist heraus, übe ich (dienende!) Leitung aus", muss gerade im kirchlichen Kontext immer zentral sein und sozusagen die Hintergrundfolie für alles konkrete Leitungshandeln darstellen. Bill Hybels konnte plausibel machen, dass eine solche Haltung nicht nur geistlicher ist, sondern gleichzeitig auch effektiver.

Willow Creek Leitungskongress in Hannover 2016 (I)

Auf fremdes kirchliches Terrain habe ich mich im Januar auf dem Willow Creek Leitungskongress in Hannover begeben - als Katholik in einer stark freikirchlich-evangelikal geprägten Veranstaltung. Meine Lektüre der vergangenen Monate hatten mich neugierig gemacht, hatten bei mir manche Vorurteile abgebaut und in mir die Überzeugung geweckt, dass es in dieser Richtung durchaus etwas zu lernen gibt - für kirchliches Leitungshandeln, für pastorale Aufbrüche, für Prozesse lokaler Kirchenentwicklung. Für Prozesse also, wie den in unserer Diözese Rottenburg-Stuttgart ausgerufenen Prozess "Kirche am Ort. Kirche an vielen Orten gestalten". Unsere Kirchengemeinde hat damit begonnen, diesen Entwicklungsprozess ernst zu nehmen. Nun fuhr ich nach Hannover, um zu sehen, welche Impulse ich dafür mitnehmen konnte. Und es gab dann tatsächlich einige - vieles im motivationalen Bereich, manches auch inhaltlich in spiritueller wie auch in ganz praktischer Hinsicht.
Mit dem Abstand von ein paar Monaten möchte ich auf die Vorträge des Kongresses zurückblicken, Gehörtes und Gelerntes wiedergeben und reflektieren, teilweise auch kritisieren, auswerten in der Bedeutung für unseren Prozess "Kirche am Ort". In Hannover durfte ich eine energiegeladene Veranstaltung erleben, die Menschen begeistern wollte für Leitungs- und Entiwkclungsprozesse, nicht nur, aber besonders in kirchlichen Kontexten. Diese Energie war ein wohltuender Kontrast zur in deutsch-katholischen Zusammenhängen oft zu erlebenden Atmosphäre des Klagens und Schwarzsehens. Allein dafür lohnte sich die Teilnahme: Kirche kann begeistern, einen Dienst in der Kirche auszuüben, ist ein erfüllendes Privileg, inspirierend für einen selbst und - wenn es gelingt - auch für andere.
In den folgenden Posts nun einige Gedanken zu den gehörten Vorträgen.

Dienstag, 14. Januar 2014

Einige Perlen aus "Evangelii Gaudium" von Papst Franziskus




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„Es gibt Christen, deren Lebensart wie eine Fastenzeit ohne Ostern erscheint. Doch ich gebe zu, dass man die Freude nicht in allen Lebensabschnitten und –umständen, die manchmal sehr hart sind, in gleicher Weise erlebt. Sie passt sich an und verwandelt sich, und bleibt immer wenigstens wie ein Lichtstrahl, der aus der persönlichen Gewissheit hervorgeht, jenseits von allem grenzenlos geliebt zu sein.“

„Folglich dürfte ein Verkünder des Evangeliums nicht ständig ein Gesicht wie bei einer Beerdigung haben.“

„Jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zurückzukehren und die ursprüngliche Frische des Evangeliums wiederzugewinnen, tauchen neue Wege, kreative Methoden, andere Ausdrucksformen, aussagekräftigere Zeichen und Worte reich an neuer Bedeutung für die Welt von heute auf. In der Tat, jedes echte missionarische Handeln ist immer ‚neu‘.“

„Wir dürfen die Neuheit dieses Auftrags auch nicht wie eine Entwurzelung verstehen, wie ein Vergessen der lebendigen Geschichte die uns aufnimmt und uns vorantreibt. (…) Der Gläubige ist grundsätzlich ein ‚Erinnerungsmensch‘.“

„Die Christen haben die Pflicht, es [das Evangelium] ausnahmslos allen zu verkünden, nicht wie jemand, der eine neue Verpflichtung auferlegt, sondern wie jemand, der eine Freude teilt, einen schönen Horizont zeigt, ein erstrebenswertes Festmahl anbietet. Die Kirche wächst nicht durch Proselytismus, sondern ‚durch Anziehung‘.“

„Die freudige Evangelisierung wird zur Schönheit in der Liturgie inmitten der täglichen Anforderung, das Gute zu fördern. Die Kirche evangelisiert sich selber mit der Schönheit der Liturgie, die auch Feier der missionarischen Tätigkeit und Quelle eines erneuerten Impulses zur Selbsthingabe ist.“

„Da ich berufen bin, selbst zu leben, was ich von den anderen verlange, muss ich auch an eine Neuausrichtung des Papsttums denken. (…) Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.“

„In jedem Fall können wir die Lehren der Kirche nie zu etwas machen, das leicht verständlich ist und die uneingeschränkte Würdigung aller erfährt. Der Glaube behält immer einen Aspekt des Kreuzes, eine gewisse Unverständlichkeit, die jedoch die Festigkeit der inneren Zustimmung nicht beeinträchtigt.“

„Die Kirche ist berufen, immer das offene Haus des Vaters zu sein. Eines der konkreten Zeichen dieser Öffnung ist es, überall Kirchen mit offenen Türen zu haben.“

„Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“

„Ebenso wie das Gebot ‚du sollst nicht töten‘ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ‚Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen‘ sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht.“

„In diesem Zusammenhang verteidigen einige noch die ‚Überlauf‘-Theorien (trickle-down Theorie), die davon ausgehen, dass jedes vom freien Markt begünstigte Wirtschaftswachstum von sich aus eine größere Gleichheit und soziale Einbindung in die Welt hervorzurufen vermag. Diese Ansicht, die nie von den Fakten bestätigt wurde, drückt ein undifferenziertes Vertrauen auf die Güte derer aus, die die wirtschaftliche Macht in Händen halten, wie auch auf die vergötterten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems.“

„Die Finanzkrise, die wir durchmachen, lässt uns vergessen, dass an ihrem Ursprung eine tiefe anthropologische Krise steht: die Leugnung des Vorrangs des Menschen! Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs (vgl. Ex 32,1-35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel.“

„Unter diesen Schwachen, deren sich die Kirche mit Vorliebe annehmen will, sind auch die ungeborenen Kinder. (…) Um die Verteidigung des Lebens der Ungeborenen, die die Kirche unternimmt, leichthin ins Lächerliche zu ziehen, stellt man ihre Position häufig als etwas Ideologisches, Rückschrittliches, Konservatives dar. Und doch ist die Verteidigung des ungeborenen Lebens eng mit der Verteidigung jedes beliebigen Menschenrechtes verbunden. Sie setzt die Überzeugung voraus, dass ein menschliches Leben immer etwas Heiliges und Unantastbares ist, in jeder Situation und jeder Phase seiner Entwicklung.“

„Wir haben einen Schatz an Leben und Liebe, der nicht trügen kann, eine Botschaft, die nicht manipulieren noch enttäuschen kann. Es ist eine Antwort, die tief ins Innerste des Menschen hinab fällt und ihn stützen und erheben kann. Es ist die Wahrheit, die nicht aus der Mode kommt, denn sie ist in der Lage, dort einzudringen, wohin nichts anderes gelangen kann. Unsere unendliche Traurigkeit kann nur durch eine unendliche Liebe geheilt werden.“

Mittwoch, 27. November 2013

Evangelii Gaudium - Ermutigung und Ermahnung für Pfarrgemeinden

Ich habe das neue Apostolische Schreiben Evangelii Gaudium von Papst Franziskus noch nicht gelesen. Die mehr als deutliche Kapitalismuskritik des Papstes ("Diese Wirtschaft tötet.") brachte dem Text sogar eine lobende Erwähnung bei den erzlinken Nachdenkseiten ein.
Bei catholicity and covenant wurde ich auf eine Textpassage aufmerksam, die wenig mediale Beachtung gefunden hat, die mich aber besonders freut. In einer Zeit, in der die klassische Pfarrgemeinde oft als eine überholte kirchliche Sozialform hingestellt wird, betont der Papst die herausragende Bedeutung der Pfarrgemeinde für Gegenwart und Zukunft der Kirche - aber nicht ohne einen Aufruf zu notwendiger Erneuerung.

28. Die Pfarrei ist keine hinfällige Struktur; gerade weil sie eine große Formbarkeit besitzt, kann sie ganz verschiedene Formen annehmen, die die innere Beweglichkeit und die missionarische Kreativität des Pfarrers und der Gemeinde erfordern. Obwohl sie sicherlich nicht die einzige evangelisierende Einrichtung ist, wird sie, wenn sie fähig ist, sich ständig zu erneuern und anzupassen, weiterhin » die Kirche [sein], die inmitten der Häuser ihrer Söhne und Töchter lebt «.Das setzt voraus, dass sie wirklich in Kontakt mit den Familien und dem Leben des Volkes steht und nicht eine weitschweifige, von den Leuten getrennte Struktur oder eine Gruppe von Auserwählten wird, die sich selbst betrachten. Die Pfarrei ist eine kirchliche Präsenz im Territorium, ein Bereich des Hörens des Wortes Gottes, des Wachstums des christlichen Lebens, des Dialogs, der Verkündigung, der großherzigen Nächstenliebe, der Anbetung und der liturgischen Feier. Durch all ihre Aktivitäten ermutigt und formt die Pfarrei ihre Mitglieder, damit sie aktiv Handelnde in der Evangelisierung sind.Sie ist eine Gemeinde der Gemeinschaft, ein Heiligtum, wo die Durstigen zum Trinken kommen, um ihren Weg fortzusetzen, und ein Zentrum ständiger missionarischer Aussendung. Wir müssen jedoch zugeben, dass der Aufruf zur Überprüfung und zur Erneuerung der Pfarreien noch nicht genügend gefruchtet hat, damit sie noch näher bei den Menschen sind, Bereiche lebendiger Gemeinschaft und Teilnahme bilden und sich völlig auf die Mission ausrichten.

29. Die anderen kirchlichen Einrichtungen, Basisgemeinden und kleinen Gemeinschaften, Bewegungen und andere Formen von Vereinigungen sind ein Reichtum der Kirche, den der Geist erweckt, um alle Umfelder und Bereiche zu evangelisieren. Oftmals bringen sie einen neuen Evangelisierungs-Eifer und eine Fähigkeit zum Dialog mit der Welt ein, die zur Erneuerung der Kirche beitragen. Aber es ist sehr nützlich, dass sie nicht den Kontakt mit dieser so wertvollen Wirklichkeit der örtlichen Pfarrei verlieren und dass sie sich gerne in die organische Seelsorge der Teilkirche einfügen. Diese Integration wird vermeiden, dass sie nur mit einem Teil des Evangeliums und der Kirche verbleiben oder zu Nomaden ohne Verwurzelung werden.