Donnerstag, 4. Juli 2013

Eugene Peterson oder: Die Gratwanderung der Seelsorge zwischen Marge Simpson und John Updike

In einer Simpsons-Folge unterstützt Marge als Seelsorgerin den überforderten Reverend Lovejoy. Marge schneidet natürlich im Vergleich zum dauernd frustierten, leere Phrasen dreschenden Pfarrer bestens ab. Zahlreiche Einwohner von Springfield wenden sich mit den unterschiedlichsten Problemen an Marge. Bei näherem Hinsehen wird allerdings ein Problem deutlich, das in der Folge allerdings nicht thematisiert wird: Nichts zeichnet Marge über einen wohlmeinenden und sicher auch wohltuenden Umgang mit Menschen hinaus als Seelsorgerin aus. Gott spielt für ihr Tun keine Rolle.
Ich glaube, wir stehen als Seelsorger schon seit Jahrzehnten vor dem Problem, dass wir zwar vieles von den Humanwissenschaften und den klassischen "helfenden Berufen" gelernt haben, und dass sich das auch in vielerlei Hinsicht als hilf- und segensreich erwiesen hat. Zugleich hat es aber auch eine Unklarheit entstehen lassen über den letztlich zutiefst theologischen Kern unseres Selbstverständnisses, der eigentlich all unser Tun orientieren sollte. Stattdessen präsentiert sich unsere Arbeit - jedenfalls außerhalb der Liturgie - oft aus einer Mischung aus ein wenig Psychologie, einer Handvoll Pädagogik, einem guten Schuss Sozialarbeit, viel Organisations- und Projektmanagement, Kommunikationstheorie und Mitarbeiterführung - das Ganze spirituell garniert. Wo ist in all dem gut Gemeinten und oft auch tatsächlich gut Gemachten unser Proprium?

Eine andere literarische Seelsorger-Figur erhebt gegen all das einen dröhnenden Einwand. In John Updikes Roman "Hasenherz", dem ersten seiner Rabbit-Romane, tritt in einer Szene der lutherische Pastor Kruppenbach, Barthianer durch und durch (Updike selbst war zeitlebens von Karl Barth fasziniert), seinem episkopalischen Kollegen Eccles entgegen. Für Kruppenbach ist Eccles nicht anders als Marge Simpson: ein philantropischer Weltverbesserer, der in seinem seelsorgerlichen Tun seinem eigentlichen Auftrag ausweicht:
Finden Sie, dass es Ihre Aufgabe ist, sich in die Angelegenheiten dieser Leute zu mischen? Ich weiß, was man euch heutzutage auf den Seminaren beibringt: all diesen psychologischen Kram. Aber ich bin da ganz anderer Ansicht. Sie glauben, ihre Pflicht ist es, als ehrenamtlicher Arzt zu fungieren, alle Löcher zu stopfen und alles schön glattzumachen. Aber ich bin da anderer Ansicht. Ich finde nicht, dass das Ihre Aufgabe ist. (...) Ich behaupte, Sie wissen nicht, was Ihre Pflicht ist, sonst wären Sie zu Hause und beteten. Das ist Ihre Pflicht: ein Beispiel im Glauben zu geben. Von dort kommt uns der Trost. (...) Indem Sie sich abzappeln, entfernen Sie sich immer weiter von der Aufgabe, die Gott Ihnen gestellt hat, nämlich, Ihren Glauben stark zu machen (...) Sonntag morgens dann, wenn wir vor sie treten, (...) dann müssen wir brennen, sie verbrennen mit der Kraft unseres Glaubens. Darum kommen sie ja. Weshalb würden sie uns sonst bezahlen? Alles Übrige, was wir tun oder sagen können, kann jeder Beliebige tun und sagen. Dafür gibt es Ärzte und Anwälte.
Und auf Eccles' erschrockene, abwehrende Reaktion, stellt Kruppenbach die Frage: "Wussten Sie nicht, als Sie diesen Kragen umlegten, was Sie riskieren?"

Nun gibt es sicher einen dritten Weg zwischen Marge Simpson und Fritz Kruppenbach. Und nach dem sollten wir suchen. Ich selbst fand auf dieser Suche in letzter Zeit die Bücher des amerikanischen presbyterianischen Pastors Eugene Peterson sehr hilfreich. Aus langjähriger praktischer Erfahrung schreibt er über ein Selbstverständnis als Seelsorger, das ganz aus dem Gebet und aus dem Hören auf Gottes Wort kommt, das aber zugleich voll wacher Aufmerksamkeit die auf den ersten Blick so banal erscheinenden Geschichten der konkreten Menschen in einer konkreten Kirchengemeinde an einem konkreten Ort wahrnimmt. Diese kleinen Geschichten werden ihm zu unverzichtbaren Bestandteilen der großen Geschichte zwischen Gott und den Menschen. Und auf diese Geschichte bezieht sich sein ganzes Tun als Seelsorger - nicht nur am Sonntag in Liturgie und Predigt, sondern eben auch in all den Gesprächen, Sitzungen und anderen Terminen von Montag bis Samstag.
Nachdem ich schon zwei andere Bücher von Peterson mit Gewinn gelesen habe, lese ich gerade seine Memoiren, die unter dem Titel "The Pastor" erschienen sind. Ich hoffe, im Verlauf der nächsten Wochen hin und wieder ein paar schöne Zitate daraus zu posten.

Montag, 10. Juni 2013

Humor für Minderheiten...

Wer zugleich ein Faible für Irland und für Trinitätstheologie hat, kann sich hier bestens amüsieren!


Dienstag, 4. Juni 2013

Was macht uns atttraktiv? Predigt zum 9. Sonntag im Jahreskreis

Der Fußball steht in diesen Wochen wieder ganz hoch im Kurs. Das Champions League Finale letzte Woche haben 300 Millionen Menschen weltweit gesehen. Beim Pokalfinale gestern waren es nicht ganz so viele, aber gerade hier in Stuttgart hat auch das natürlich viele angezogen. Was Tausende Menschen in die Stadien lockt, zu Fanmeilen und zum Public Viewing oder einfach vor den Fernseher im Wohnzimmer, ist wohl in erster Linie die Spannung um Sieg und Niederlage. Aber insbesondere bei den Finalisten im Champions League Finale – sorry, VfB-Fans – war es sicher auch der attraktive Fußball, den beide Mannschaften in den letzten Monaten gespielt haben. So etwas zieht Menschen an.
Schon seit Langem beunruhigt es viele von uns, dass unsere Kirchen weit weniger attraktiv zu sein scheinen als solche großen Sportereignisse. Eingangskontrollen angesichts anströmender Menschenmassen brauchen wir in unseren Kirchen eher nicht. Wir müssen unseren Gottesdienst auch nicht zum Public Viewing auf den Bismarckplatz übertragen, damit noch mehr Menschen dabei sein können. Wie kann unsere Kirche, wie können unsere Gottesdienste wieder attraktiver, anziehender für mehr Menschen werden, so fragen sich viele. Brauchen wir bessere Werbung, spektakuläre Aktionen?
Geheimrezepte können Sie da von mir auch nicht erwarten. Aber ich möchte mit Ihnen einen Blick werfen auf die Lesung aus dem ersten Buch der Könige. Da wird ein Gotteshaus feierlich eingeweiht, der Jerusalemer Tempel. König Salomo spricht ein feierliches Weihegebet. Und in diesem Gebet gibt er sich überzeugt: „Auch Fremde, die nicht zu deinem Volk Israel gehören, werden aus fernen Ländern kommen.“ Salomo ist sich sicher: Es gibt etwas, was so attraktiv ist, dass es Menschen aus aller Herren Länder anziehen wird, hin zu diesem Tempel.
Warum ist das so? Es kommt daher, so setzt Salomo voraus, dass die fremden Menschen von Gottes großem Namen hören werden, von seiner starken Hand und seinem hoch erhobenen Arm. So wie Menschen von dem starken Fuß von Ribery und Schweinsteiger, Großkreutz und Lewandowski mitbekommen, und sagen „Das Spiel muss ich sehen“,  so erfahren sie auch von der starken Hand des Gottes Israels. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie erfahren, was Gott in Israel bewirkt, was er für sein Volk tut. Das macht sie neugierig, das ist attraktiv für sie, das lockt sie nach Jerusalem.
Und da liegt eine entscheidende Pointe des Alten Testaments. Wir wissen wahrscheinlich alle, dass Gott im Alten Testament Israel zu seinem auserwählten Volk macht. Aber Israel wird nicht auserwählt, damit es mit sich selbst zufrieden ist, es wird erwählt für alle Völker, für die ganze Welt. Das Volk Gottes ist dazu da, dass durch dieses Volk die ganze Welt Gott kennenlernen kann, damit, wie es in der Lesung hieß, alle Völker der Erde den Namen Gottes erkennen.
Dieser ganz große Blick auf alle Völker der Erde wird im Evangelium, das wir gehört haben, sozusagen herangezoomt auf einen konkreten Menschen. Da wird erzählt von einem römischen Offizier, der als Teil der Besatzungsmacht in Galiläa stationiert war. Dieser Mann hat dort den Glauben des besetzten Volkes kennen gelernt. Dieser Glaube war attraktiv für ihn, er hat ihn gefesselt. Zum jüdischen Glauben übergetreten ist er noch nicht, aber er hat als Zeichen seiner Verehrung für den Gott der Juden sogar schon den Bau einer Synagoge finanziert. Der Gott Israels war so attraktiv, dass der Hauptmann diesen Gott näher kennenlernen wollte.
Wir Christen sind nach der Auffassung des Neuen Testaments das Gottesvolk des Neuen Bundes. Und auch dieses neue Gottesvolk, die Kirche, ist nicht dazu da, dass wir um uns selbst kreisen, sondern dass durch uns die Welt Gott kennenlernen kann. Was aber kann uns so attraktiv machen, dass die Menschen zu uns kommen wollen wie zum Jerusalemer Tempel, um bei uns mit Gott in Kontakt zu kommen? Ich denke, dazu helfen nicht in erster Linie originelle Werbemaßnahmen. Und dafür ist es ganz sicher die falsche Strategie, wenn wir uns möglichst stark an die übrige Welt angleichen. So zu sein wie alle, macht nicht sonderlich attraktiv.
König Salomo rechnet damit, dass der Jerusalemer Tempel dadurch attraktiv wird, dass die Menschen hören und sehen, was Gott für sein Volk tut. Wir werden attraktiv, wenn Menschen hören und sehen, was Gott für uns tut. Was tut Gott für uns?
Schauen wir noch einmal auf den römischen Offizier. Der lässt Jesus, der zu ihm auf dem Weg ist, sagen: „Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst“. Das ist der Satz, den wir in jeder Eucharistiefeier vor der Kommunion sprechen: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach“. Sowohl in einem persönlichen Gespräch als auch beim Lesen von Leserbriefen in einer christlichen Zeitschrift habe ich mitgekriegt, dass dieser Satz heute viele Menschen befremdet, wenn nicht gar empört. „Was soll denn diese Unterwürfigkeit? Natürlich bin ich würdig, das wäre ja noch schöner!“ Ich meine aber, diese Empörung ist etwas vorschnell. Gott ist Gott, und wir sind es nicht. Wenn wir einen Moment darüber nach denken, was das heißt „Gott“ - der Schöpfer der Welt, der Allmächtige und Allwissende, der vollkommen Gute und Schöne -, dann merken wir schnell, dass es für den Menschen eine ganz natürliche Reaktion ist, zu Gott zu sagen „Herr, dir gegenüber bin ich ganz unwürdig“. Der Abstand zwischen uns und Gott ist unendlich, es gibt nichts, was wir ihm vorweisen könnten, um damit zu zeigen „Jetzt siehst du aber, wie toll ich bin und wie würdevoll“.
Gott muss uns Menschen keine Würde zusprechen. Das Unglaubliche am christlichen Glauben ist die Erfahrung, dass Gott es trotzdem tut. Bei dem Gebet vor der Kommunion sprechen wir weiter – auch wieder wie der Hauptmann: „Aber sprich nur ein Wort!“
Dieses Wort hat Gott zu uns gesprochen in Jesus Christus. Jesus Christus ist das fleischgewordene Wort, in dem Gott zu uns sagt: „Du, Mensch, bist mir unendlich viel wert! Du hast eine unendliche Würde. In meinen Augen bist du schön und wunderbar, weil ich dich liebe.“
Ich habe mal den Spruch gehört „Ein Freund ist jemand, der mich mag, obwohl er mich kennt.“ Gott kennt uns durch und durch, besser als wir uns selbst kennen, und er nimmt uns so an, wie wir sind. Wie oft im Leben ist es anders. Wie oft müssen Menschen erst einmal den Beweis erbringen, dass sie es wert sind, akzeptiert, geschätzt, geliebt zu werden. Und wie oft müssen Menschen sich dazu verstellen, hoffen, dass die anderen nicht merken, wie unvollkommen ich eigentlich bin. „Beweise erst einmal, dass du cool bist und zu uns gehören kannst, indem du die richtigen Klamotten trägst und das richtige Handy hast! Beweise erst einmal, dass du in unserem Betrieb mithalten kannst, indem du über deine Kräfte arbeitest und dich bei den richtigen Leuten beliebt machst! Beweise erst einmal, dass du es wert bist, von mir geliebt zu werden, indem du der Traummann, die Traumfrau ohne Schönheitsfehler und Schwächen bist!“ So läuft es doch oft in unserer Welt.
Und das Großartige, was Gott für uns Menschen tut, ist, dass es bei ihm ganz anders ist, dass er uns annimmt als die, die wir sind. Das ist alles andere als selbstverständlich, aber durch Jesus hat er uns gezeigt, dass es so ist.
Das neue Gottesvolk der Kirche ist die Gemeinschaft, in der das deutlich werden soll. „Hier bist du kein Niemand, hier bist du ein Jemand, ein geliebter Sohn, eine geliebte Tochter Gottes, und deshalb wie Schwester und Bruder für die anderen Gotteskinder.“ Wenn unsere Gottesdienste, unsere Gemeinden und Gemeinschaften das vermitteln, dann bin ich davon überzeugt, dass Menschen sagen werden: Ja, Gott tut wirklich Großes für euch, diesen Gott wollen wir kennen lernen, zu eurer Gemeinschaft wollen wir dazu gehören.
Mal sehen, wann wir das Public Viewing auf dem Bismarckplatz organisieren müssen. Zumindest sollten wir immer genügend Taufwasser parat haben.

Donnerstag, 23. Mai 2013

"Erst einmal durchatmen" - Predigt zu Pfingsten



http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/52/Gian_Lorenzo_Bernini_-_Dove_of_the_Holy_Spirit.JPG 



Erst einmal tief durchatmen. Das hilft ja in vielen Situationen, nicht nur am Beginn einer Predigt. Durchatmen entschleunigt. Es kann uns zwischen zwei Aufgaben kurz ruhig werden lassen, uns helfen, einen Augenblick ganz bei uns zu sein.


Unser Atem ist natürlich zunächst einmal ein biologisches Phänomen. Für die Bibel ist er aber noch etwas ganz anderes. In unserem Atem drückt sich die Lebenskraft Gottes aus, die in uns wohnt. Denn der Geist Gottes, den wir an Pfingsten feiern, ist in der Sprache des Alten Testaments ein Atem. Geist und Atem sind im Alten Testament dasselbe Wort: Ruach. Der Geist macht lebendig. Er gibt uns Leben, indem er uns durchatmet.

Diese Verbindung findet sich in der ganzen Bibel, und sie hilft uns vielleicht ein wenig, dem auf die Spur zu kommen, worum es an diesem Pfingsttag geht. Wenn das Buch Genesis, das erste Buch der Bibel, davon erzählt, wie Gott den Menschen erschuf, dann heißt es dort, dass Gott den Menschen aus Erde formte und anschließend in seine Nase den Lebensatem blies – die Ruach, den Geist. Das ist eine sehr tiefsinnige Erzählung. Denn sie sagt uns: Der Mensch ist einerseits von der Erde genommen. Er besteht aus Materie, er ist ein chemisches Etwas, ein biologisches Wesen. Aber zugleich ist er auch mehr als das. Der Geist-Atem Gottes weht in ihm. Jeder Atemzug von uns ist ein Atmen des göttlichen Lebens in uns.

Ohne Atmung kein Leben. Ohne die Ruach Gottes kein Leben. Die Ruach macht lebendig. In Psalm 104 beten wir: „Die Erde ist voll von deinen Geschöpfen. Nimmst du ihnen den Geist-Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub der Erde. Sendest du deinen Geist-Atem aus, so werden sie alle erschaffen.“ Der Geist-Atem Gottes schenkt Leben. Im Pfingsthymnus haben wir gesungen: „Ohne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn“. Wir dürfen uns Schöpfung ja nicht so vorstellen, dass Gott irgendwann einmal vor Milliarden Jahren die Welt geschaffen hat und damit war sein Geschäft als Schöpfer getan. Gott schafft die Welt in jedem Augenblick, indem er sie im Dasein erhält. In jedem Atemzug schenkt uns Gott neu sein Leben. So lange wir atmen, sind wir lebendig. So lange wir atmen, ist Gottes Geist in uns gegenwärtig. Ob es der erste schreiende Atemzug des neugeborenen Babys ist – Gottes Geist ist in ihm. Ob es der letzte Atemzug des Sterbenden ist – Gottes Geist ist da.

Und so kann schon unser Atmen Gebet sein. Im kontemplativen Beten lenkt der Beter seine Aufmerksamkeit zuerst auf sein Atmen. Aufmerksam auf den eigenen Atem zu achten, bedeutet schon, mit dem Geist Gottes in Berührung zu kommen, dazu braucht es gar keine Worte mehr. Wunderschön drückt das Paulus im Römerbrief aus, wir haben es in der Lesung gehört. Wir Menschen wissen ja oft gar nicht richtig, wie und für was wir beten sollen. Wir brauchen es für Paulus auch gar nicht zu wissen, denn der Geist-Atem nimmt sich unserer Schwachheit an. Der Geist-Atem selber tritt für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Beten heißt, dass der Geist-Atem Gottes, die Ruach, der Heilige Geist in uns betet, Einatmen und ausatmen – so betet in uns Gott zu Gott, so spricht Gott mit Gott, und wir dürfen bei diesem Gespräch dabei sein, in dieses Gespräch mit eintreten.



Mit Gott zu leben, bedeutet, ganz bewusst aus dieser göttlichen Lebenskraft in uns zu leben, unser Leben von ihr gestalten zu lassen. Der Prophet Jesaja hat in seinen Liedern über den Knecht Gottes beschrieben, was das heißt. Er lässt diesen Gottesknecht sagen: „Der Geist-Atem, die Ruach Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes, damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt der Verzweiflung.“ 

Im Lukas-Evangelium liest Jesus in einem Synagogen-Gottesdienst diesen Text vor. Und er macht klar: Dieser Knecht Gottes, von dem hier die Rede ist, das ist niemand anderes als er. Jesus ist der, auf dem der Geist-Atem Gottes ruht. Was für jeden Menschen gilt, gilt für Jesus noch einmal stärker, unübertrefflich: In jedem Augenblick seines Lebens, in jedem seiner Atemzüge ist Gott gegenwärtig, ist die lebendige Schöpferkraft Gottes am Werk. Und der Text aus dem Jesaja-Buch sagt uns klipp und klar, dass das kein esoterisches Kreisen um das eigene Ich bedeutet. Nein, wo die Lebenskraft Gottes auf einem Menschen ruht, wie das bei Jesus der Fall war, dann verändert das die Welt. Dann treibt dieser Geist-Atem Gottes Menschen dazu an, anderen zu mehr Leben, zu mehr Lebendigkeit zu verhelfen, etwas weiterzugeben von dem göttlichen Leben, das in uns atmet. Da wird den Armen ein gutes Wort gesagt, da werden zerbrochene Herzen geheilt, da gehen Menschen hin zu Gefangenen und zu Trauernden und verbreiten Trost und Freude. Das kann der Geist Gottes bewirken, wenn wir unser Leben von seinem pulsierenden Atem bewegen lassen.

Und der Geist-Atem Gottes kann nicht nur einzelne Menschen bewegen. Er schafft Gemeinschaft. In der Lesung aus der Apostelgeschichte kommt er in Sturm und Feuer auf die Jünger Jesu herab und macht sie zu einer begeisterten Gemeinschaft, er macht sie zur Kirche Jesu Christi. Er macht sie zu einer Gemeinschaft, die das lebt, was Jesus gelebt hat, zu einer Gemeinschaft, deren Leben um Gerechtigkeit und Versöhnung, um Barmherzigkeit und um die Verehrung Gottes kreist. Das kann Kirche sein, das ist Kirche, wenn sie sich begeistern lässt, in unserer Gemeinde, in unserer Stadt, auf der ganzen Erde. Ja, komm, heiliger Geist!

Und jetzt erst einmal wieder tief durchatmen.

Fundstücke

Heute einmal ein paar Fundstücke, auf die ich in den letzten Wochen im Netz gestoßen bin:

  • "The heart of Christianity": Eine Apologie der Apologetik von John Milbank. Die intellektuelle Rechtfertigung des Glaubens angesichts seiner Bestreitung gehört zum Wesen christlicher Gottesrede. Allerdings plädiert Milbank für eine Apologetik, die die Vernunft nicht von Gefühl, Vorstellungskraft, Narrativität und Ethik isoliert.
  • Stanley Hauerwas hält zwei großartige Vorträge: einmal über die Frage, ob und warum Seelsorger Jesus lieben sollen, einmal über sein Verständnis christlicher Predigt.
  • Ben Myers von Faith and Theology mit den ersten drei Predigten aus einer Predigtreihe über das Apostolische Glaubensbekenntnis.
  • Etwas ganz anderes: Die Nachdenkseiten veröffentlichen eine Rede von Wolfgang Neskovic, die den Begriff der "gezielten Tötung" und damit die Sprachpolitik der NATO scharf kritisiert.
  • Auf Zeit zu beten stand ein schöner Artikel zu den Abenden, die Jugendliche in einigen deutschen Städten unter Titeln wie Nightfever oder Stay and pray gestalten - auf innovative Weise und mit eucharistischer Anbetung als Zentrum (demnächst z.B. zum zweiten Mal im Stuttgarter Eberhardsdom).
  • Und schließlich: Josef Bordat fasst kurz und prägnant zusammen, wo das methodologische Problem bei Aussagen der Art "Geist gleich Gehirn" liegt.

Montag, 6. Mai 2013

Der Anti-Nietzsche - Zum 200. Geburtstag von Sören Kierkegaard

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In der berühmten Passage in Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft verkündet der "tolle Mensch" den Umstehenden die Botschaft "Gott ist tot". Alles andere als ein leichtfüßiger Atheismus nach Art der Kampagne "Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Also hör auf, dich zu fürchten und genieße das Leben" ist es, was Nietzsche hier ankündigt. Der Tod Gottes stellt den Menschen vor den absoluten Ernstfall. "Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?" Ein bieder-unbekümmerter Lebensgenuss, als ob nichts Wesentliches geschehen wäre, ist nach dem Tod Gottes gerade nicht mehr möglich.

Ich habe in dieser Hinsicht den anderen großen Denker des 19. Jahrhunderts, Sören Kierkegaard, dessen 200. Geburtstag wir in diesen Tagen begehen, immer als den Anti-Nietzsche schlechthin verstanden. Gerade wenn es Gott gibt, stellt das für Kierkegaard den Menschen vor den absoluten Ernstfall seiner Existenz. Der lebendige Gott ist noch viel berunruhigender für den Spießbürger als der tote Gott.

Kierkegaard hat es immer wieder angeprangert, dass in der Kirche dieses Beunruhigende, existentiell Aufrüttelnde so oft überdeckt wird. So schreibt er beispielsweise in "Furcht und Zittern" von dem Pfarrer, der am Sonntag auf der Kanzel mit salbungsvollen Worten den Glauben Abrahams lobt, der bereit war, seinen Sohn Gott zum Opfer darzubringen - "und der Meditierende kann in seiner Meditation ruhig seine Pfeife rauchen, und der Hörende kann ruhig die Beine in aller Bequemlichkeit ausstrecken". Wenn nun aber ein Zuhörer auf den Gedanken käme, es Abraham gleich zu tun und seinen Sohn zu opfern, so wäre verständlicherweise das Entsetzen des Predigers groß. Was in der Begegnung Abrahams mit Gott geschieht, ist erschreckend, aber das Erschrecken über Gott bekommt meistens keinen Platz und wird von beruhigenden Worten zugekleistert.

Beeindruckend ist bei Kierkegaard die Vehemenz, mit der er die unmittelbare existentielle Herasuforderung jedes Menschen durch Gott herausstreicht. "Es gibt keinen Schüler zweiter Hand", schreibt er in den "Philosophischen Brocken". Denn "wenn der Glaubende dadurch der Glaubende und der, der den Gott kennt, ist, dass er die Bedingung vom Gott selbst empfängt, dann muss der Spätere völlig im selben Sinne die Bedingung vom Gott selbst empfangen und kann sie nicht von zweiter Hand entgegennehmen". Jeder Mensch ist völlig unvertretbar mit dem Gott konfrontiert, der "nicht zum Spaß, sondern in Ernst und Wahrheit von gleicher Art wie der Geliebte sein" und sich deshalb "in der Gestalt des Knechts" zeigen will.

Bei Kierkegaard gehen subtile philosophische Begriffsschärfe - man denke an die Definition des Selbst in der "Krankheit zum Tode" - mit literarischer Eleganz und einem unüberhörbaren Ruf zur Glaubensentscheidung Hand in Hand. Man kann Kierkegaard, der täglich durch Kopenhagen spazierte und sich dabei nach eigener Aussage jeden Tag mit etwa 50 Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten unterhielt, als "tollen Menschen" verstehen, der seinen modernen Zeitgenossen den Satz zuruft "Gott ist lebendig - und das sollte uns unruhig machen, denn es verändert für uns alles".


Dienstag, 2. April 2013

John Updike zu Ostern

John Updike - Seven Stanzas at Easter


Make no mistake: if he rose at all
It was as His body;
If the cell’s dissolution did not reverse, the molecule reknit,
The amino acids rekindle,
The Church will fall.

It was not as the flowers,
Each soft spring recurrent;
It was not as His Spirit in the mouths and fuddled eyes of the
Eleven apostles;
It was as His flesh; ours.

The same hinged thumbs and toes
The same valved heart
That-pierced-died, withered, paused, and then regathered
Out of enduring Might
New strength to enclose.

Let us not mock God with metaphor,
Analogy, sidestepping, transcendence,
Making of the event a parable, a sign painted in the faded
Credulity of earlier ages:
Let us walk through the door.

The stone is rolled back, not papier-mache,
Not a stone in a story,
But the vast rock of materiality that in the slow grinding of
Time will eclipse for each of us
The wide light of day.

And if we have an angel at the tomb,
Make it a real angel,
Weighty with Max Planck’s quanta, vivid with hair, opaque in
The dawn light, robed in real linen
Spun on a definite loom.

Let us not seek to make it less monstrous,
For our own convenience, our own sense of beauty,
Lest, awakened in one unthinkable hour, we are embarrassed
By the miracle,
And crushed by remonstrance.

Sieben Strophen an Ostern


Macht Euch nichts vor: Erstand Er überhaupt,
dann als Sein Leib;
wenn nicht der Zelltod sich umkehrte, Moleküle sich
neu verbanden, Aminosäuren neu erglühten,
wird die Kirche fallen.

Es war nicht wie die Blumen,
die wiederkehren in jedem milden Frühjahr,
es war nicht als Sein Geist in den Mündern und benebelten
Augen der elf Apostel;
Es war als Sein Fleisch: als unseres.

Die selben Finger und Zehen mit Gelenken,
das selbe Herz mit seinen Klappen,
das – durchstoßen – starb, verwelkte, still stand, und dann
sich wieder sammelte durch aus durchhaltender Macht,
um neue Kraft zu umfassen.

Lasst uns nicht Gottes spotten mit Metapher,
Analogie, ausweichender Transzendenz,
das Ereignis zur Parabel machen, zum Zeichen, gemalt auf die
verblasste Leichtgläubigkeit früherer Zeiten:
Gehen wir durch die Tür.

Der Stein ist weggerollt, nicht Pappmache,
kein Stein in einer Geschichte,
sondern der Riesenfels der Stofflichkeit, der im langsamen
Mahlen der Zeit uns allen auslöschen wird
das helle Licht des Tages.

Und wenn wir einen Engel am Grabe haben,
macht ihn zu einem richtigen Engel,
schwer mit Max Plancks Quanten, lebendig mit Haar,
opak im Dämmerlicht, gehüllt in echtes Linnen
gewebt auf endgültigem Webstuhl.

Machen wir es nicht weniger ungeheuerlich,
zu unserem eigenen Komfort, unserem Sinn für Schönheit,
damit wir nicht, erweckt in einer undenkbaren Stunde,
verlegen sind vorm Wunder,
vernichtet vom Protest.

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John Updike, der bekannte und als ewiger Nobelpreiskandidat verstorbene amerikanische Schriftsteller, hatte sich zeitlebens mit theologischen Fragen, insbesondere mit dem Werk Karl Barths beschäftigt. In seinen wunderbaren "Seven Stanzas at Easter" macht er deutlich: Ostern wird in seinem Provokationsgehalt und in seiner Hoffnungskraft erst dann deutlich, wenn das, was da geschehen ist, bis in die Materialität hineinreicht und nicht nur Metapher für "Innerseelisches" bleibt.

(Die deutsche Übersetzung habe ich dem - leider nicht mehr fortgeführten - Blog Credo ut intelligam entnommen.)