Donnerstag, 23. Mai 2013

Fundstücke

Heute einmal ein paar Fundstücke, auf die ich in den letzten Wochen im Netz gestoßen bin:

  • "The heart of Christianity": Eine Apologie der Apologetik von John Milbank. Die intellektuelle Rechtfertigung des Glaubens angesichts seiner Bestreitung gehört zum Wesen christlicher Gottesrede. Allerdings plädiert Milbank für eine Apologetik, die die Vernunft nicht von Gefühl, Vorstellungskraft, Narrativität und Ethik isoliert.
  • Stanley Hauerwas hält zwei großartige Vorträge: einmal über die Frage, ob und warum Seelsorger Jesus lieben sollen, einmal über sein Verständnis christlicher Predigt.
  • Ben Myers von Faith and Theology mit den ersten drei Predigten aus einer Predigtreihe über das Apostolische Glaubensbekenntnis.
  • Etwas ganz anderes: Die Nachdenkseiten veröffentlichen eine Rede von Wolfgang Neskovic, die den Begriff der "gezielten Tötung" und damit die Sprachpolitik der NATO scharf kritisiert.
  • Auf Zeit zu beten stand ein schöner Artikel zu den Abenden, die Jugendliche in einigen deutschen Städten unter Titeln wie Nightfever oder Stay and pray gestalten - auf innovative Weise und mit eucharistischer Anbetung als Zentrum (demnächst z.B. zum zweiten Mal im Stuttgarter Eberhardsdom).
  • Und schließlich: Josef Bordat fasst kurz und prägnant zusammen, wo das methodologische Problem bei Aussagen der Art "Geist gleich Gehirn" liegt.

Montag, 6. Mai 2013

Der Anti-Nietzsche - Zum 200. Geburtstag von Sören Kierkegaard

http://www.mvhs.de/5.3/admin/ImageServer.php?ID=354aaa34626@mvhs.de&colorspace=rgb&force=truehttp://ais.badische-zeitung.de/piece/00/eb/32/f8/15414008.jpg

In der berühmten Passage in Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft verkündet der "tolle Mensch" den Umstehenden die Botschaft "Gott ist tot". Alles andere als ein leichtfüßiger Atheismus nach Art der Kampagne "Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Also hör auf, dich zu fürchten und genieße das Leben" ist es, was Nietzsche hier ankündigt. Der Tod Gottes stellt den Menschen vor den absoluten Ernstfall. "Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?" Ein bieder-unbekümmerter Lebensgenuss, als ob nichts Wesentliches geschehen wäre, ist nach dem Tod Gottes gerade nicht mehr möglich.

Ich habe in dieser Hinsicht den anderen großen Denker des 19. Jahrhunderts, Sören Kierkegaard, dessen 200. Geburtstag wir in diesen Tagen begehen, immer als den Anti-Nietzsche schlechthin verstanden. Gerade wenn es Gott gibt, stellt das für Kierkegaard den Menschen vor den absoluten Ernstfall seiner Existenz. Der lebendige Gott ist noch viel berunruhigender für den Spießbürger als der tote Gott.

Kierkegaard hat es immer wieder angeprangert, dass in der Kirche dieses Beunruhigende, existentiell Aufrüttelnde so oft überdeckt wird. So schreibt er beispielsweise in "Furcht und Zittern" von dem Pfarrer, der am Sonntag auf der Kanzel mit salbungsvollen Worten den Glauben Abrahams lobt, der bereit war, seinen Sohn Gott zum Opfer darzubringen - "und der Meditierende kann in seiner Meditation ruhig seine Pfeife rauchen, und der Hörende kann ruhig die Beine in aller Bequemlichkeit ausstrecken". Wenn nun aber ein Zuhörer auf den Gedanken käme, es Abraham gleich zu tun und seinen Sohn zu opfern, so wäre verständlicherweise das Entsetzen des Predigers groß. Was in der Begegnung Abrahams mit Gott geschieht, ist erschreckend, aber das Erschrecken über Gott bekommt meistens keinen Platz und wird von beruhigenden Worten zugekleistert.

Beeindruckend ist bei Kierkegaard die Vehemenz, mit der er die unmittelbare existentielle Herasuforderung jedes Menschen durch Gott herausstreicht. "Es gibt keinen Schüler zweiter Hand", schreibt er in den "Philosophischen Brocken". Denn "wenn der Glaubende dadurch der Glaubende und der, der den Gott kennt, ist, dass er die Bedingung vom Gott selbst empfängt, dann muss der Spätere völlig im selben Sinne die Bedingung vom Gott selbst empfangen und kann sie nicht von zweiter Hand entgegennehmen". Jeder Mensch ist völlig unvertretbar mit dem Gott konfrontiert, der "nicht zum Spaß, sondern in Ernst und Wahrheit von gleicher Art wie der Geliebte sein" und sich deshalb "in der Gestalt des Knechts" zeigen will.

Bei Kierkegaard gehen subtile philosophische Begriffsschärfe - man denke an die Definition des Selbst in der "Krankheit zum Tode" - mit literarischer Eleganz und einem unüberhörbaren Ruf zur Glaubensentscheidung Hand in Hand. Man kann Kierkegaard, der täglich durch Kopenhagen spazierte und sich dabei nach eigener Aussage jeden Tag mit etwa 50 Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten unterhielt, als "tollen Menschen" verstehen, der seinen modernen Zeitgenossen den Satz zuruft "Gott ist lebendig - und das sollte uns unruhig machen, denn es verändert für uns alles".


Dienstag, 2. April 2013

John Updike zu Ostern

John Updike - Seven Stanzas at Easter


Make no mistake: if he rose at all
It was as His body;
If the cell’s dissolution did not reverse, the molecule reknit,
The amino acids rekindle,
The Church will fall.

It was not as the flowers,
Each soft spring recurrent;
It was not as His Spirit in the mouths and fuddled eyes of the
Eleven apostles;
It was as His flesh; ours.

The same hinged thumbs and toes
The same valved heart
That-pierced-died, withered, paused, and then regathered
Out of enduring Might
New strength to enclose.

Let us not mock God with metaphor,
Analogy, sidestepping, transcendence,
Making of the event a parable, a sign painted in the faded
Credulity of earlier ages:
Let us walk through the door.

The stone is rolled back, not papier-mache,
Not a stone in a story,
But the vast rock of materiality that in the slow grinding of
Time will eclipse for each of us
The wide light of day.

And if we have an angel at the tomb,
Make it a real angel,
Weighty with Max Planck’s quanta, vivid with hair, opaque in
The dawn light, robed in real linen
Spun on a definite loom.

Let us not seek to make it less monstrous,
For our own convenience, our own sense of beauty,
Lest, awakened in one unthinkable hour, we are embarrassed
By the miracle,
And crushed by remonstrance.

Sieben Strophen an Ostern


Macht Euch nichts vor: Erstand Er überhaupt,
dann als Sein Leib;
wenn nicht der Zelltod sich umkehrte, Moleküle sich
neu verbanden, Aminosäuren neu erglühten,
wird die Kirche fallen.

Es war nicht wie die Blumen,
die wiederkehren in jedem milden Frühjahr,
es war nicht als Sein Geist in den Mündern und benebelten
Augen der elf Apostel;
Es war als Sein Fleisch: als unseres.

Die selben Finger und Zehen mit Gelenken,
das selbe Herz mit seinen Klappen,
das – durchstoßen – starb, verwelkte, still stand, und dann
sich wieder sammelte durch aus durchhaltender Macht,
um neue Kraft zu umfassen.

Lasst uns nicht Gottes spotten mit Metapher,
Analogie, ausweichender Transzendenz,
das Ereignis zur Parabel machen, zum Zeichen, gemalt auf die
verblasste Leichtgläubigkeit früherer Zeiten:
Gehen wir durch die Tür.

Der Stein ist weggerollt, nicht Pappmache,
kein Stein in einer Geschichte,
sondern der Riesenfels der Stofflichkeit, der im langsamen
Mahlen der Zeit uns allen auslöschen wird
das helle Licht des Tages.

Und wenn wir einen Engel am Grabe haben,
macht ihn zu einem richtigen Engel,
schwer mit Max Plancks Quanten, lebendig mit Haar,
opak im Dämmerlicht, gehüllt in echtes Linnen
gewebt auf endgültigem Webstuhl.

Machen wir es nicht weniger ungeheuerlich,
zu unserem eigenen Komfort, unserem Sinn für Schönheit,
damit wir nicht, erweckt in einer undenkbaren Stunde,
verlegen sind vorm Wunder,
vernichtet vom Protest.

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John Updike, der bekannte und als ewiger Nobelpreiskandidat verstorbene amerikanische Schriftsteller, hatte sich zeitlebens mit theologischen Fragen, insbesondere mit dem Werk Karl Barths beschäftigt. In seinen wunderbaren "Seven Stanzas at Easter" macht er deutlich: Ostern wird in seinem Provokationsgehalt und in seiner Hoffnungskraft erst dann deutlich, wenn das, was da geschehen ist, bis in die Materialität hineinreicht und nicht nur Metapher für "Innerseelisches" bleibt.

(Die deutsche Übersetzung habe ich dem - leider nicht mehr fortgeführten - Blog Credo ut intelligam entnommen.)

Dienstag, 12. März 2013

Pope-U-Lator

Wer sich nicht darauf beschränken mag, ganz allgemein um den Beistand des Heiligen Geistes für die Kardinäle im Konklave zu beten, der kann sich beim Pope-U-Lator, einem "Papst-Wahl-O-Mat", informieren, welcher Kandidat den von ihm erwünschten Kriterien am ehesten entspricht. Die möglichen Eingabeoptionen sind allerdings doch sehr holzschnittartig. Vielleicht sollte man daher lieber doch nicht unbedingt für die Wahl des auf diese Weise ermittelten Idealkandidaten beten, sondern es bei einem "Veni sancte spiritus" belassen.http://www.faz.net/polopoly_fs/1.2112387!/image/1142481220.jpg_gen/derivatives/article_aufmacher_gross/1142481220.jpg

Über "Eucharistiezentriertheit"


Letzte Woche hatte ich ein Telefongespräch mit einer Kollegin, in deren Gemeinde meine Frau und ich möglicherweise ab Herbst arbeiten werden. Im Lauf des Gesprächs kam sie auf einen Pfarrer zu sprechen. Wie zur Warnung meinte sie: "Man kann schon gut mit ihm zusammen arbeiten, aber er ist doch ziemlich eucharistiezentriert." Meine Antwort "Das macht nichts, das sind wir auch" war wohl für die Kollegin aus dem Mund eines Pastoralreferenten so ungewohnt, dass sie es schlichtweg überhörte und ein paar Sätze später auch noch über die Gemeindemitglieder sagte: "Einige sind recht progressiv, aber für manche steht halt noch ganz die Eucharistie im Zentrum." - "Ganz im Sinn des Konzils", entgegnete ich. Wir haben dann schnell das Thema gewechselt.


http://www.ruhrnachrichten.de/storage/pic/mdhl/artikelbilder/nachrichten/region/hier-und-heute/1478770_1_hostie.jpg?version=1261652045Wenige Tage später hatte ich ein Gespräch mit einer Ehrenamtlichen aus einer unserer Gemeinden, eine sehr spirituelle Frau. Gebet und Bibellektüre sind für sie ganz wesentlich, aber mit der Eucharistie, bekannte sie, habe sie eigentlich noch nie etwas anfangen können.

Es bedrückt mich und macht mich ratlos, wie die Feier der Eucharistie immer mehr Menschen fremd wird. Viele finden keinen Zugang mehr zu ihr. Wie sollen sie es aber auch, frage ich mich, wenn so viele pastorale Mitarbeiter dieses Sakrament als tendenziell überholte Frömmigkeitsform einer Minderheit aus ein paar Priestern und einigen gestrigen Gemeindemitgliedern abtut. Es mutet manchmal fast grotesk an, wenn Leute, die in anderen Zusammenhängen lautstark Treue zum Konzil - oder zu dem, was sie für "das Konzil" halten - einfordern, auf der anderen Seite nichts davon wissen wollen, dass das Zweite Vatikanum gleich an zwei Stellen die unvergleichliche Bedeutung der Eucharistie als "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens" herausstreicht.

Natürlich begegnet man in unserer Kirche hin und wieder unschönen Formen von klerikalem Dünkel, und natürlich gefällt mir das ebenso wenig wie den meisten meiner Kollegen. Die Betonung der zentralen Stellung des eucharistischen Sakraments hat aber nichts mit Klerikalismus zu tun, sondern damit, dass wir dort dem Glutkern unseres Glaubens begegnen. "Gottheit, tief verborgen, betend nah' ich dir. Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier", wie Thomas von Aquin gedichtet hat.

Der bedeutende Liturgiewissenschaftler Josef Andreas Jungmann SJ beginnt sein großes Werk "Missarum Sollemnia" mit folgendem schönen Absatz:

"Seitdem der Gottmensch über unsere Erde geschritten ist und seine irdischen Tage beschlossen hat mit dem Erlösungsopfer am Kreuze, hat jene Feier ihren Anfang genommen, die von da an als geheimnisvolle erneuerung seiner welterlösenden Selbsthingabe durch alle Jahrhunderte und durch alle Länder geht und die nie mehr aufhören wird, bis er wiederkommt. In endloser Wiederholung, bald mit festlichem Gepränge und im Gewoge der Tausende, bald in der Stille einer einsamen Seitenkapelle, in der Ärmlichkeit einer kleinen Dorfkirche, in irgendeinem Winkel, von dem gottgeweihte Menschen ausziehen zu ihren Werken der Liebe, überall vollzieht sich Tag für Tag dasselbe Geheimnis. Kaum durch eine dünne Wand vom Markt des Lebens getrennt, steht es mitten unter den Menschen, die sich herandrängen an die göttliche Gnade, die hier aufleuchtet, die ihre Hände hilfesuchend darnach ausstrecken, dass sie nicht versinken in der Nichtigkeit und in der Gottfremde des Lebens."

Gemalte Ikonen und lebende Ikonen


http://www.schreibmayr.de/images/product_images/popup_images/4698_0.jpgIkonen gewinnen hierzulande immer mehr an Beliebtheit. In der Ostkirche hatten sie schon immer große Bedeutung als Fenster in die Welt Gottes hinein, bzw. noch eher als Fenster, durch die das Licht der göttlichen Welt in unsere Welt hinein scheint. Der russische Theologe und Philosoph Pavel Florenskij schreibt über die Ikonostase, die in orthodoxen Kirchen den Kirchenraum vom Altar trennt: "Die Ikonostase schlägt Fenster in die Wand und durch ihre Scheiben sehen wir - zumindest können wir sehen -, was hinter ihnen vorgeht, wir sehen die lebendigen Zeugen Gottes."

Die Ikonenwand verstellt nicht etwa den Blick auf das Wesentliche. Sie ermöglicht uns überhaupt erst, das Wesentliche zu sehen, das für unsere Augen eigentlich unsichtbar ist. Durch ihre Vermittlung vermögen wir, das Licht Gottes zu erkennen, das für uns niemals auf "unmittelbare" Weise zu sehen ist.

Es gibt Menschen, die wie Ikonen sind, in deren Blick etwas vom Licht der göttlichen Welt aufscheint. Ich hatte diesen Gedanken, als ich neulich ein Wochenende in einem Franziskanerinnenkloster verbracht habe. Den Gottesdienst am Sonntag haben wir in der Kirche des Klosteraltenheims zusammen mit den alten Franziskanerinnen gefeiert. Es war beeindruckend, diese alten Gesichter zu sehen, gezeichnet von einem langen Leben des Gebets und der caritativen Arbeit. Gesichter wie Fenster.

Dabei dachte ich auch an eine andere Ordensschwester, die mich im letzten Jahr in einer kurzen Begegnung beeindruckt hat. Es war eine schwedische Benediktinerin aus dem kleinen Kloster Omberg mitten in der schwedischen Pampa. Wir waren mit einer Gruppe aus Pastoralassistenten zu einer Studienfahrt in Schweden, und die Nonne erzählte von ihrem Kloster. Mir ist kein einziger Satz wirklich in Erinnerung geblieben, den sie in diesen wenigen Stunden gesagt hat. Aber selten bin ich Menschen begegnet, durch die auf eine solche Weise die Präsenz Gottes hindurch geleuchtet hat. Auf einmal wird die Wirklichkeit, an die zu glauben oft so schwer fällt, sichtbar, für eine kurze Zeit, wie in einer Ikone, wie durch ein Fenster, in eine Wand geschlagen, und wir ahnen, was hinter ihr vorgeht.

Donnerstag, 14. Februar 2013

Früher gab es Nietzsche, heute Dawkins

Und hier ist der anspruchsvolle Beitrag zum Papstrücktritt, den der erfolgreiche Buchautor und Religionskritiker Richard Dawkins auf Twitter von sich gegeben hat:
 
Man sehnt sich nach der Zeit, als die Kirche noch bessere Feinde hatte...