Donnerstag, 23. Mai 2013

"Erst einmal durchatmen" - Predigt zu Pfingsten



http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/52/Gian_Lorenzo_Bernini_-_Dove_of_the_Holy_Spirit.JPG 



Erst einmal tief durchatmen. Das hilft ja in vielen Situationen, nicht nur am Beginn einer Predigt. Durchatmen entschleunigt. Es kann uns zwischen zwei Aufgaben kurz ruhig werden lassen, uns helfen, einen Augenblick ganz bei uns zu sein.


Unser Atem ist natürlich zunächst einmal ein biologisches Phänomen. Für die Bibel ist er aber noch etwas ganz anderes. In unserem Atem drückt sich die Lebenskraft Gottes aus, die in uns wohnt. Denn der Geist Gottes, den wir an Pfingsten feiern, ist in der Sprache des Alten Testaments ein Atem. Geist und Atem sind im Alten Testament dasselbe Wort: Ruach. Der Geist macht lebendig. Er gibt uns Leben, indem er uns durchatmet.

Diese Verbindung findet sich in der ganzen Bibel, und sie hilft uns vielleicht ein wenig, dem auf die Spur zu kommen, worum es an diesem Pfingsttag geht. Wenn das Buch Genesis, das erste Buch der Bibel, davon erzählt, wie Gott den Menschen erschuf, dann heißt es dort, dass Gott den Menschen aus Erde formte und anschließend in seine Nase den Lebensatem blies – die Ruach, den Geist. Das ist eine sehr tiefsinnige Erzählung. Denn sie sagt uns: Der Mensch ist einerseits von der Erde genommen. Er besteht aus Materie, er ist ein chemisches Etwas, ein biologisches Wesen. Aber zugleich ist er auch mehr als das. Der Geist-Atem Gottes weht in ihm. Jeder Atemzug von uns ist ein Atmen des göttlichen Lebens in uns.

Ohne Atmung kein Leben. Ohne die Ruach Gottes kein Leben. Die Ruach macht lebendig. In Psalm 104 beten wir: „Die Erde ist voll von deinen Geschöpfen. Nimmst du ihnen den Geist-Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub der Erde. Sendest du deinen Geist-Atem aus, so werden sie alle erschaffen.“ Der Geist-Atem Gottes schenkt Leben. Im Pfingsthymnus haben wir gesungen: „Ohne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn“. Wir dürfen uns Schöpfung ja nicht so vorstellen, dass Gott irgendwann einmal vor Milliarden Jahren die Welt geschaffen hat und damit war sein Geschäft als Schöpfer getan. Gott schafft die Welt in jedem Augenblick, indem er sie im Dasein erhält. In jedem Atemzug schenkt uns Gott neu sein Leben. So lange wir atmen, sind wir lebendig. So lange wir atmen, ist Gottes Geist in uns gegenwärtig. Ob es der erste schreiende Atemzug des neugeborenen Babys ist – Gottes Geist ist in ihm. Ob es der letzte Atemzug des Sterbenden ist – Gottes Geist ist da.

Und so kann schon unser Atmen Gebet sein. Im kontemplativen Beten lenkt der Beter seine Aufmerksamkeit zuerst auf sein Atmen. Aufmerksam auf den eigenen Atem zu achten, bedeutet schon, mit dem Geist Gottes in Berührung zu kommen, dazu braucht es gar keine Worte mehr. Wunderschön drückt das Paulus im Römerbrief aus, wir haben es in der Lesung gehört. Wir Menschen wissen ja oft gar nicht richtig, wie und für was wir beten sollen. Wir brauchen es für Paulus auch gar nicht zu wissen, denn der Geist-Atem nimmt sich unserer Schwachheit an. Der Geist-Atem selber tritt für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Beten heißt, dass der Geist-Atem Gottes, die Ruach, der Heilige Geist in uns betet, Einatmen und ausatmen – so betet in uns Gott zu Gott, so spricht Gott mit Gott, und wir dürfen bei diesem Gespräch dabei sein, in dieses Gespräch mit eintreten.



Mit Gott zu leben, bedeutet, ganz bewusst aus dieser göttlichen Lebenskraft in uns zu leben, unser Leben von ihr gestalten zu lassen. Der Prophet Jesaja hat in seinen Liedern über den Knecht Gottes beschrieben, was das heißt. Er lässt diesen Gottesknecht sagen: „Der Geist-Atem, die Ruach Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes, damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt der Verzweiflung.“ 

Im Lukas-Evangelium liest Jesus in einem Synagogen-Gottesdienst diesen Text vor. Und er macht klar: Dieser Knecht Gottes, von dem hier die Rede ist, das ist niemand anderes als er. Jesus ist der, auf dem der Geist-Atem Gottes ruht. Was für jeden Menschen gilt, gilt für Jesus noch einmal stärker, unübertrefflich: In jedem Augenblick seines Lebens, in jedem seiner Atemzüge ist Gott gegenwärtig, ist die lebendige Schöpferkraft Gottes am Werk. Und der Text aus dem Jesaja-Buch sagt uns klipp und klar, dass das kein esoterisches Kreisen um das eigene Ich bedeutet. Nein, wo die Lebenskraft Gottes auf einem Menschen ruht, wie das bei Jesus der Fall war, dann verändert das die Welt. Dann treibt dieser Geist-Atem Gottes Menschen dazu an, anderen zu mehr Leben, zu mehr Lebendigkeit zu verhelfen, etwas weiterzugeben von dem göttlichen Leben, das in uns atmet. Da wird den Armen ein gutes Wort gesagt, da werden zerbrochene Herzen geheilt, da gehen Menschen hin zu Gefangenen und zu Trauernden und verbreiten Trost und Freude. Das kann der Geist Gottes bewirken, wenn wir unser Leben von seinem pulsierenden Atem bewegen lassen.

Und der Geist-Atem Gottes kann nicht nur einzelne Menschen bewegen. Er schafft Gemeinschaft. In der Lesung aus der Apostelgeschichte kommt er in Sturm und Feuer auf die Jünger Jesu herab und macht sie zu einer begeisterten Gemeinschaft, er macht sie zur Kirche Jesu Christi. Er macht sie zu einer Gemeinschaft, die das lebt, was Jesus gelebt hat, zu einer Gemeinschaft, deren Leben um Gerechtigkeit und Versöhnung, um Barmherzigkeit und um die Verehrung Gottes kreist. Das kann Kirche sein, das ist Kirche, wenn sie sich begeistern lässt, in unserer Gemeinde, in unserer Stadt, auf der ganzen Erde. Ja, komm, heiliger Geist!

Und jetzt erst einmal wieder tief durchatmen.

Fundstücke

Heute einmal ein paar Fundstücke, auf die ich in den letzten Wochen im Netz gestoßen bin:

  • "The heart of Christianity": Eine Apologie der Apologetik von John Milbank. Die intellektuelle Rechtfertigung des Glaubens angesichts seiner Bestreitung gehört zum Wesen christlicher Gottesrede. Allerdings plädiert Milbank für eine Apologetik, die die Vernunft nicht von Gefühl, Vorstellungskraft, Narrativität und Ethik isoliert.
  • Stanley Hauerwas hält zwei großartige Vorträge: einmal über die Frage, ob und warum Seelsorger Jesus lieben sollen, einmal über sein Verständnis christlicher Predigt.
  • Ben Myers von Faith and Theology mit den ersten drei Predigten aus einer Predigtreihe über das Apostolische Glaubensbekenntnis.
  • Etwas ganz anderes: Die Nachdenkseiten veröffentlichen eine Rede von Wolfgang Neskovic, die den Begriff der "gezielten Tötung" und damit die Sprachpolitik der NATO scharf kritisiert.
  • Auf Zeit zu beten stand ein schöner Artikel zu den Abenden, die Jugendliche in einigen deutschen Städten unter Titeln wie Nightfever oder Stay and pray gestalten - auf innovative Weise und mit eucharistischer Anbetung als Zentrum (demnächst z.B. zum zweiten Mal im Stuttgarter Eberhardsdom).
  • Und schließlich: Josef Bordat fasst kurz und prägnant zusammen, wo das methodologische Problem bei Aussagen der Art "Geist gleich Gehirn" liegt.

Montag, 6. Mai 2013

Der Anti-Nietzsche - Zum 200. Geburtstag von Sören Kierkegaard

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In der berühmten Passage in Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft verkündet der "tolle Mensch" den Umstehenden die Botschaft "Gott ist tot". Alles andere als ein leichtfüßiger Atheismus nach Art der Kampagne "Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Also hör auf, dich zu fürchten und genieße das Leben" ist es, was Nietzsche hier ankündigt. Der Tod Gottes stellt den Menschen vor den absoluten Ernstfall. "Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?" Ein bieder-unbekümmerter Lebensgenuss, als ob nichts Wesentliches geschehen wäre, ist nach dem Tod Gottes gerade nicht mehr möglich.

Ich habe in dieser Hinsicht den anderen großen Denker des 19. Jahrhunderts, Sören Kierkegaard, dessen 200. Geburtstag wir in diesen Tagen begehen, immer als den Anti-Nietzsche schlechthin verstanden. Gerade wenn es Gott gibt, stellt das für Kierkegaard den Menschen vor den absoluten Ernstfall seiner Existenz. Der lebendige Gott ist noch viel berunruhigender für den Spießbürger als der tote Gott.

Kierkegaard hat es immer wieder angeprangert, dass in der Kirche dieses Beunruhigende, existentiell Aufrüttelnde so oft überdeckt wird. So schreibt er beispielsweise in "Furcht und Zittern" von dem Pfarrer, der am Sonntag auf der Kanzel mit salbungsvollen Worten den Glauben Abrahams lobt, der bereit war, seinen Sohn Gott zum Opfer darzubringen - "und der Meditierende kann in seiner Meditation ruhig seine Pfeife rauchen, und der Hörende kann ruhig die Beine in aller Bequemlichkeit ausstrecken". Wenn nun aber ein Zuhörer auf den Gedanken käme, es Abraham gleich zu tun und seinen Sohn zu opfern, so wäre verständlicherweise das Entsetzen des Predigers groß. Was in der Begegnung Abrahams mit Gott geschieht, ist erschreckend, aber das Erschrecken über Gott bekommt meistens keinen Platz und wird von beruhigenden Worten zugekleistert.

Beeindruckend ist bei Kierkegaard die Vehemenz, mit der er die unmittelbare existentielle Herasuforderung jedes Menschen durch Gott herausstreicht. "Es gibt keinen Schüler zweiter Hand", schreibt er in den "Philosophischen Brocken". Denn "wenn der Glaubende dadurch der Glaubende und der, der den Gott kennt, ist, dass er die Bedingung vom Gott selbst empfängt, dann muss der Spätere völlig im selben Sinne die Bedingung vom Gott selbst empfangen und kann sie nicht von zweiter Hand entgegennehmen". Jeder Mensch ist völlig unvertretbar mit dem Gott konfrontiert, der "nicht zum Spaß, sondern in Ernst und Wahrheit von gleicher Art wie der Geliebte sein" und sich deshalb "in der Gestalt des Knechts" zeigen will.

Bei Kierkegaard gehen subtile philosophische Begriffsschärfe - man denke an die Definition des Selbst in der "Krankheit zum Tode" - mit literarischer Eleganz und einem unüberhörbaren Ruf zur Glaubensentscheidung Hand in Hand. Man kann Kierkegaard, der täglich durch Kopenhagen spazierte und sich dabei nach eigener Aussage jeden Tag mit etwa 50 Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten unterhielt, als "tollen Menschen" verstehen, der seinen modernen Zeitgenossen den Satz zuruft "Gott ist lebendig - und das sollte uns unruhig machen, denn es verändert für uns alles".


Dienstag, 2. April 2013

John Updike zu Ostern

John Updike - Seven Stanzas at Easter


Make no mistake: if he rose at all
It was as His body;
If the cell’s dissolution did not reverse, the molecule reknit,
The amino acids rekindle,
The Church will fall.

It was not as the flowers,
Each soft spring recurrent;
It was not as His Spirit in the mouths and fuddled eyes of the
Eleven apostles;
It was as His flesh; ours.

The same hinged thumbs and toes
The same valved heart
That-pierced-died, withered, paused, and then regathered
Out of enduring Might
New strength to enclose.

Let us not mock God with metaphor,
Analogy, sidestepping, transcendence,
Making of the event a parable, a sign painted in the faded
Credulity of earlier ages:
Let us walk through the door.

The stone is rolled back, not papier-mache,
Not a stone in a story,
But the vast rock of materiality that in the slow grinding of
Time will eclipse for each of us
The wide light of day.

And if we have an angel at the tomb,
Make it a real angel,
Weighty with Max Planck’s quanta, vivid with hair, opaque in
The dawn light, robed in real linen
Spun on a definite loom.

Let us not seek to make it less monstrous,
For our own convenience, our own sense of beauty,
Lest, awakened in one unthinkable hour, we are embarrassed
By the miracle,
And crushed by remonstrance.

Sieben Strophen an Ostern


Macht Euch nichts vor: Erstand Er überhaupt,
dann als Sein Leib;
wenn nicht der Zelltod sich umkehrte, Moleküle sich
neu verbanden, Aminosäuren neu erglühten,
wird die Kirche fallen.

Es war nicht wie die Blumen,
die wiederkehren in jedem milden Frühjahr,
es war nicht als Sein Geist in den Mündern und benebelten
Augen der elf Apostel;
Es war als Sein Fleisch: als unseres.

Die selben Finger und Zehen mit Gelenken,
das selbe Herz mit seinen Klappen,
das – durchstoßen – starb, verwelkte, still stand, und dann
sich wieder sammelte durch aus durchhaltender Macht,
um neue Kraft zu umfassen.

Lasst uns nicht Gottes spotten mit Metapher,
Analogie, ausweichender Transzendenz,
das Ereignis zur Parabel machen, zum Zeichen, gemalt auf die
verblasste Leichtgläubigkeit früherer Zeiten:
Gehen wir durch die Tür.

Der Stein ist weggerollt, nicht Pappmache,
kein Stein in einer Geschichte,
sondern der Riesenfels der Stofflichkeit, der im langsamen
Mahlen der Zeit uns allen auslöschen wird
das helle Licht des Tages.

Und wenn wir einen Engel am Grabe haben,
macht ihn zu einem richtigen Engel,
schwer mit Max Plancks Quanten, lebendig mit Haar,
opak im Dämmerlicht, gehüllt in echtes Linnen
gewebt auf endgültigem Webstuhl.

Machen wir es nicht weniger ungeheuerlich,
zu unserem eigenen Komfort, unserem Sinn für Schönheit,
damit wir nicht, erweckt in einer undenkbaren Stunde,
verlegen sind vorm Wunder,
vernichtet vom Protest.

 ---

John Updike, der bekannte und als ewiger Nobelpreiskandidat verstorbene amerikanische Schriftsteller, hatte sich zeitlebens mit theologischen Fragen, insbesondere mit dem Werk Karl Barths beschäftigt. In seinen wunderbaren "Seven Stanzas at Easter" macht er deutlich: Ostern wird in seinem Provokationsgehalt und in seiner Hoffnungskraft erst dann deutlich, wenn das, was da geschehen ist, bis in die Materialität hineinreicht und nicht nur Metapher für "Innerseelisches" bleibt.

(Die deutsche Übersetzung habe ich dem - leider nicht mehr fortgeführten - Blog Credo ut intelligam entnommen.)

Dienstag, 12. März 2013

Pope-U-Lator

Wer sich nicht darauf beschränken mag, ganz allgemein um den Beistand des Heiligen Geistes für die Kardinäle im Konklave zu beten, der kann sich beim Pope-U-Lator, einem "Papst-Wahl-O-Mat", informieren, welcher Kandidat den von ihm erwünschten Kriterien am ehesten entspricht. Die möglichen Eingabeoptionen sind allerdings doch sehr holzschnittartig. Vielleicht sollte man daher lieber doch nicht unbedingt für die Wahl des auf diese Weise ermittelten Idealkandidaten beten, sondern es bei einem "Veni sancte spiritus" belassen.http://www.faz.net/polopoly_fs/1.2112387!/image/1142481220.jpg_gen/derivatives/article_aufmacher_gross/1142481220.jpg

Über "Eucharistiezentriertheit"


Letzte Woche hatte ich ein Telefongespräch mit einer Kollegin, in deren Gemeinde meine Frau und ich möglicherweise ab Herbst arbeiten werden. Im Lauf des Gesprächs kam sie auf einen Pfarrer zu sprechen. Wie zur Warnung meinte sie: "Man kann schon gut mit ihm zusammen arbeiten, aber er ist doch ziemlich eucharistiezentriert." Meine Antwort "Das macht nichts, das sind wir auch" war wohl für die Kollegin aus dem Mund eines Pastoralreferenten so ungewohnt, dass sie es schlichtweg überhörte und ein paar Sätze später auch noch über die Gemeindemitglieder sagte: "Einige sind recht progressiv, aber für manche steht halt noch ganz die Eucharistie im Zentrum." - "Ganz im Sinn des Konzils", entgegnete ich. Wir haben dann schnell das Thema gewechselt.


http://www.ruhrnachrichten.de/storage/pic/mdhl/artikelbilder/nachrichten/region/hier-und-heute/1478770_1_hostie.jpg?version=1261652045Wenige Tage später hatte ich ein Gespräch mit einer Ehrenamtlichen aus einer unserer Gemeinden, eine sehr spirituelle Frau. Gebet und Bibellektüre sind für sie ganz wesentlich, aber mit der Eucharistie, bekannte sie, habe sie eigentlich noch nie etwas anfangen können.

Es bedrückt mich und macht mich ratlos, wie die Feier der Eucharistie immer mehr Menschen fremd wird. Viele finden keinen Zugang mehr zu ihr. Wie sollen sie es aber auch, frage ich mich, wenn so viele pastorale Mitarbeiter dieses Sakrament als tendenziell überholte Frömmigkeitsform einer Minderheit aus ein paar Priestern und einigen gestrigen Gemeindemitgliedern abtut. Es mutet manchmal fast grotesk an, wenn Leute, die in anderen Zusammenhängen lautstark Treue zum Konzil - oder zu dem, was sie für "das Konzil" halten - einfordern, auf der anderen Seite nichts davon wissen wollen, dass das Zweite Vatikanum gleich an zwei Stellen die unvergleichliche Bedeutung der Eucharistie als "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens" herausstreicht.

Natürlich begegnet man in unserer Kirche hin und wieder unschönen Formen von klerikalem Dünkel, und natürlich gefällt mir das ebenso wenig wie den meisten meiner Kollegen. Die Betonung der zentralen Stellung des eucharistischen Sakraments hat aber nichts mit Klerikalismus zu tun, sondern damit, dass wir dort dem Glutkern unseres Glaubens begegnen. "Gottheit, tief verborgen, betend nah' ich dir. Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier", wie Thomas von Aquin gedichtet hat.

Der bedeutende Liturgiewissenschaftler Josef Andreas Jungmann SJ beginnt sein großes Werk "Missarum Sollemnia" mit folgendem schönen Absatz:

"Seitdem der Gottmensch über unsere Erde geschritten ist und seine irdischen Tage beschlossen hat mit dem Erlösungsopfer am Kreuze, hat jene Feier ihren Anfang genommen, die von da an als geheimnisvolle erneuerung seiner welterlösenden Selbsthingabe durch alle Jahrhunderte und durch alle Länder geht und die nie mehr aufhören wird, bis er wiederkommt. In endloser Wiederholung, bald mit festlichem Gepränge und im Gewoge der Tausende, bald in der Stille einer einsamen Seitenkapelle, in der Ärmlichkeit einer kleinen Dorfkirche, in irgendeinem Winkel, von dem gottgeweihte Menschen ausziehen zu ihren Werken der Liebe, überall vollzieht sich Tag für Tag dasselbe Geheimnis. Kaum durch eine dünne Wand vom Markt des Lebens getrennt, steht es mitten unter den Menschen, die sich herandrängen an die göttliche Gnade, die hier aufleuchtet, die ihre Hände hilfesuchend darnach ausstrecken, dass sie nicht versinken in der Nichtigkeit und in der Gottfremde des Lebens."

Gemalte Ikonen und lebende Ikonen


http://www.schreibmayr.de/images/product_images/popup_images/4698_0.jpgIkonen gewinnen hierzulande immer mehr an Beliebtheit. In der Ostkirche hatten sie schon immer große Bedeutung als Fenster in die Welt Gottes hinein, bzw. noch eher als Fenster, durch die das Licht der göttlichen Welt in unsere Welt hinein scheint. Der russische Theologe und Philosoph Pavel Florenskij schreibt über die Ikonostase, die in orthodoxen Kirchen den Kirchenraum vom Altar trennt: "Die Ikonostase schlägt Fenster in die Wand und durch ihre Scheiben sehen wir - zumindest können wir sehen -, was hinter ihnen vorgeht, wir sehen die lebendigen Zeugen Gottes."

Die Ikonenwand verstellt nicht etwa den Blick auf das Wesentliche. Sie ermöglicht uns überhaupt erst, das Wesentliche zu sehen, das für unsere Augen eigentlich unsichtbar ist. Durch ihre Vermittlung vermögen wir, das Licht Gottes zu erkennen, das für uns niemals auf "unmittelbare" Weise zu sehen ist.

Es gibt Menschen, die wie Ikonen sind, in deren Blick etwas vom Licht der göttlichen Welt aufscheint. Ich hatte diesen Gedanken, als ich neulich ein Wochenende in einem Franziskanerinnenkloster verbracht habe. Den Gottesdienst am Sonntag haben wir in der Kirche des Klosteraltenheims zusammen mit den alten Franziskanerinnen gefeiert. Es war beeindruckend, diese alten Gesichter zu sehen, gezeichnet von einem langen Leben des Gebets und der caritativen Arbeit. Gesichter wie Fenster.

Dabei dachte ich auch an eine andere Ordensschwester, die mich im letzten Jahr in einer kurzen Begegnung beeindruckt hat. Es war eine schwedische Benediktinerin aus dem kleinen Kloster Omberg mitten in der schwedischen Pampa. Wir waren mit einer Gruppe aus Pastoralassistenten zu einer Studienfahrt in Schweden, und die Nonne erzählte von ihrem Kloster. Mir ist kein einziger Satz wirklich in Erinnerung geblieben, den sie in diesen wenigen Stunden gesagt hat. Aber selten bin ich Menschen begegnet, durch die auf eine solche Weise die Präsenz Gottes hindurch geleuchtet hat. Auf einmal wird die Wirklichkeit, an die zu glauben oft so schwer fällt, sichtbar, für eine kurze Zeit, wie in einer Ikone, wie durch ein Fenster, in eine Wand geschlagen, und wir ahnen, was hinter ihr vorgeht.